Tinnitus
Die Psycho-Physiologie des Hörens
Wir hören mit den Ohren, und wir reagieren auf Schallwellen,
die auf unser Gehör treffen. Wer meint, damit sei alles
erklärt, verkennt die Komplexität des Hörvorgangs. Denn
weshalb hören wir auf einer Party plötzlich unseren Namen,
auch wenn wir dem Gespräch vorher nicht zugehört haben?
Wieso erwacht eine Mutter durch das Schreien ihres Säuglings,
auch wenn das Geräusch weit leiser ist, als andere Geräusche,
die sie überschläft? Warum hören wir eine S-Bahn nicht mehr,
die an unserer Wohnung vorbeifährt und warum andere Geräusche
um so intensiver, je häufiger sie auftreten? Weshalb gewöhnt
sich ein Tinnitus-Patient nicht an sein Ohrgeräusch, wo
wir doch sonst gleichbleibende Geräusche irgendwann ausblenden?
Wieso hört er das Geräusch stärker als andere Geräusche,
die objektiv messbar lauter sind? Dies zeigt das Hören als
einen komplexer Informationsverarbeitungsprozess, der weniger in
unserem Ohr als in unserem Gehirn stattfindet.
1. Selbst-verursachter oder fremd-verursachter
Lärm
2. Sinnhafter strukturierter Lärm
3. Gewöhnung an Geräusche
4. Sensibilisierung auf Geräusche
5. Emotionale Relevanz der akustischen Reize
6. Ärger über den entstehenden Lärm
7. Isolation und Lärmempfindlichkeit
8. Angst und Hilflosigkeit und Hyperakusis
9. Tinnitus und seine Verarbeitung durch den Betroffenen
10. Psychologische Behandlungsmöglichkeiten von Tinnituspatienten
11. Der Umgang mit lärmempfindlichen Nachbarn
1. Selbst-verursachter oder fremd-verursachter
Lärm
Werden Kinder in eine Schmiede geführt, so sind sie anfangs
geradezu schockiert von dem ohrenbetäubenden Lärm, halten
sich die Ohren zu und verhalten sich verängstigt und defensiv.
Dies ändert sich ein wenig, sobald sie die Aktivitäten der
Lärmquellen durchschauen. Dies ändert sich dramatisch, wenn
man ihnen einen Hammer in die Hand drückt, und sie selbst
zu dem Krach beitragen können. Selbst gestalteter und verursachter
Lärm ist wenig störend. Wir scheinen uns durch die Kontrolleüber
die Lärmquelle auf die Geräusche einstellen zu können. Ein
Schlagzeuger schätzt die Lautstärke seines Spiels geringer
ein, als ein Zuhörer, der daneben steht. Musiker neigen
dazu, den Regler fürdas eigene Instrument lauter zu stellen,
da sie es leiser empfinden als die anderen Instrumente.
Der Arbeitspsychologe Hacker untersuchte die Hörvertäubung
von Lokführern und den neben ihnen arbeitenden Kollegen.
Die Lokführer zeigten weniger objektiv messbare Hörvertäubung
als ihre Kollegen, die in dem gleichen Führerhaus dem gleichen
Lärm ausgesetzt waren. Lärm von Personen mit denen wir zusammen
leben, wird ebenfalls als weniger störend empfunden, als
der von Nachbarn, die uns weitgehend fremd sind. Werden
an unserem eigenen Haus Reperaturarbeiten gemacht, ist es
weit weniger störend, als wenn die Nachbarn ihr Haus reparieren,
und wir weder vorher informiert wurden noch den Lärm beeinflussen
können. Bedeutsam fürunser Verhältnis zu Geräuschen ist
das Gefühl, sie beeinflussen zu können. Findetüber unserer
Wohnung eine Feier statt, so kommen wir damit besser zurecht,
wenn der feiernde Nachbar uns aufgefordert hat, ihm mitzuteilen,
wenn es uns zu laut wird.
2. Sinnhafter strukturierter Lärm
Geräusche, die einen Sinn ergeben, werden weniger belästigend
erlebt, als wenn wir weder System noch Sinnhaftigkeit erkennen.
Was füreinen Technoliebhaber ein Musik- und Tanzgenuss ist,
mag der Liebhaber klassischer Musik als akustische Folter
empfinden. Interessanterweise ist es in Hamburg gelungen,
Drogendealer und Drogenkonsumenten aus U-Bahnhöfen und Unterführungen
zu vertreiben, in dem man sie mit klassischer Musiküberieselte.
(Ein falscher Umkehrschluss wäre: Jeder der Klassische Musik
nicht mag, sei ein Drogendealer,) Strassenarbeiten sind
dann weniger lästig, wenn wir darauf warten, dass die Strasse
endlich repariert wird und wir verstehen , was die Bauarbeiter
da machen, und warum es geschieht. Gibt es in unserer Umgebung
eine Lärmquelle, so hilft es, zu verstehen, wie der Lärm
zustande kommt.

3. Gewöhnung an Geräusche
Nehmen wir einen neuen Reiz in unserer Umgebung wahr, führt
dies zu einer Orientierungsreaktion und wir lenken unsere
Aufmerksamkeit auf diesen Reiz. Wir focussieren unsere Aufmerksamkeit
dabei ähnlich wie einen Scheinwerfer, der einen ganz bestimmtenübereich
unserer Umgebung anstrahlt. Stellen wir fest, dass der Reiz
ohne Bedeutung ist, werden wir ihm dann, wenn er immer wieder
auftritt, zunehmend weniger Aufmerksamkeit schenken, bis
er gänzlich unserer Aufmerksamkeit entgleitet. Gewöhnung
ist ein Schutzmechanismus der den Organismus vor Überlastung
schützen soll. Viele Geräusche, die immer wiederkehren oder
kontinuierlich auftreten, blenden wir irgendwann aus und
nehmen sie nicht mehr wahr. Tickende Uhren, S-Bahnen und
Züge die vorbeifahren, Kühlschränke, die leise vor sich
hin brummen, Autoverkehr, der vorbei rauscht, all dies entzieht
sich irgendwann unserer Aufmerksamkeit. Wenn jemand in einer
Mietwohnung lebt, und beständig Schrittgeräuscheüber sich
hat, ist es wahrscheinlich, dass er sie irgendwann kaum
noch wahrnimmt. Ein Besucher, der selbst in einem Einzelhaus
wohnt, wird sofort darauf aufmerksam. Eher wird das plötzliche
Fehlen des Geräusches registriert. Eine Uhr, die nicht mehr
tickt, ein Motor, der nicht mehr läuft, der Verkehr der
nicht mehr fliesst, all das erregt unsere Aufmerksamkeit.
Der Müller wacht nur auf, wenn seine Mühle sich nicht mehr
dreht, so lange das Wasser rauscht und das Mühlrad sich
bewegt, schläft er ausgezeichnet.

4. Sensibilisierung auf Geräusche
Von dem Psychiater und Psychotherapeuten Milton Erickson
wirdüberichtet, dass er eine Fabrikhalle besichtigte, in
der ein ohrenbetäubender Lärm herrschte, und sich darüber
wunderte, dass die Arbeiter in der Lage waren, sich ohne
Probleme zu unterhalten, während er selbst kein Wort verstand.
Er beschloss daraufhin, sich eine Nacht in der Werkhalle
einzuschliessen und dort zuübernachten. Am nächsten Morgen
hatte er sich an die Maschinengeräusche gewöhnt, dass er
in der Lage war, sie so weit auszublenden, dass er die Gespräche
zwischen den Arbeitern verfolgen konnte. Dass wir bestimmte
Geräusche aus einer Geräuschkulisse herausfiltern können,
erleben wir bei Feiern oder Empfängen, wo wir mit vielen
Leuten zusammenstehen und uns auf ein bestimmtes Gespräch
konzentrieren, ohne dass die anderen Gespräche uns dabei
stören. Fällt dann in einer Unterhaltung, der wir nicht
zugehört haben, unvermittelt unser Name, dann beginnt unsere
Aufmerksamkeit sofort zu dem betreffenden Gespräch zu wandern.
Unser Name wirkt wie ein Signalreiz oder anders ausgedrückt,
wir sind darauf sensibilisiert. Eine Mutter ist sensibilisiert
auf das Schreien ihres Kindes. Ein Autofahrer auf ungewöhnliche
Veränderungen der Motorgeräusche.

5. Emotionale Relevanz der akustischen
Reize
Wie kommt es, dass wir uns an bestimmte, immer wiederkehrende
Geräusche gewöhnen und sie irgendwann ausblenden, während
wir uns auf andere Geräusche sensibilisieren und sie immer
deutlicher wahrnehmen, je häufiger sie auftreten? Eine Erklärung
zeigt sich, wenn wir uns bewusst manchen, wie unser Organismus
Informationen speichert und verarbeitet. Nachvollziehen
können wir es an der Funktionsweise unseres Gedächtnis.
Während alltägliche Situationen und Erlebnisse, die uns
wenig tangieren, an uns vorbeirauschen und kaum wieder erinnert
werden, behalten wir die Ereignisse, die uns in besonderer
Weise emotionalüberühren und intensive Gefühle und Affekte
auslösen. Wir erinnern das Besondere, das Aussergewöhnliche,
was uns gleichzeitig emotional in Wallung versetzt. Besondere
Jahrestage, Feste, aussergewöhnliche Ereignisseüber die
wir uns gefreut haben, bleiben nachhaltig in Erinnerung.
Die Eheschliessung, eine Geburt oder ein besondere Leistung,
aber auch eine dramatische Trennung, ein schwerer Verlust
oder ein krasser Fehlschlag prägen sich ein in unser Gedächtnis.
Der Organismus kodiert das emotional bedeutsame Ereignis
bzw. den emotionsauslösenden Reiz als wichtig und relevant
fürunser weiteres Leben. Was bedeutet das fürdas Hören?
Wenn ein Nachbar Geräusche verursacht und wir es kaum beachten,
es also zu keiner emotionalen Veränderung führt, werden
wir diese zunehmend ausblenden, uns also an die Geräusche
mehr und mehr gewöhnen. Wenn wir uns aber jedesmalüber ihn
aufregen, dann werden wir uns darauf sensibilisieren, und
uns zunehmend gestört fühlen. Eine S-Bahn, die vorbeifährt,
entgleitet dann unserer Aufmerksamkeit, wenn wir sie als
selbstverständlich hinnehmen. Ganz anders ist es, wenn wir
uns jedesmalüber das entstehende Geräusch ärgern.

6. Ärger über den entstehenden
Lärm
Ob wir unsüber etwas ärgern oder es gelassen nehmen, ist
abhängig von unseren Erwartungen. Erwarten wir in einem
Luxushotel eine perfekte Bedienung werden wir ärgerlich,
wenn wir langsam und fehlerhaft bedient werden. In einem
Hotel eines unterentwickelten Landes werden wir gleiche
Bedienung gelassen hinnehmen. Erwarten wir einen reibungslosen
Fluss des Autoverkehrs werden wir uns ärgern, wenn die Ampeln
auf Rot springen, und andere Autofahrer undiszipliniert,
langsam und stockend fahren. Wenn wir ohnehin auf Staus
eingestellt sind, können wir die entstehenden Behinderungen
besser akzeptieren. Wann ärgern wir unsüber Lärm? Unter
anderem dann, wenn wir Ruhe erwarten. Eine meiner Patientinnenüberichtete
von starker Belästigung durch die Nachbarn der umliegenden
Einzelhäusern, die an schönen Tagen im Garten unverhältnismässig
lärmen würden. Ich fragte sie, mit welchen Erwartungen sie
in ihr Haus eingezogen sei, und sieüberichtete, sie habe
sich immer vorgestellt, an schönen Tagen in ihrem Gartenstuhl
zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen, während die Vögel
zwitschern. Dummerweise hatte sie nicht einkalkuliert, dass
an schönen Tagen auch alle Nachbarn im Garten sind. Es gelang
ihr sich vorzustellen, mit anderen realistischen Erwartungen
in ein Einzelhaus zu ziehen und sie stellte fest, dass es
sie dann wesentlich weniger störte. In einem Hotel erwarten
wir nachts, dass die Zimmernachbarn sich ruhig verhalten.
Entsprechend ärgert man sichüber die Rücksichtslosigkeit,
wenn dieser Erwartung nicht entsprochen wird. Viele kennen
das Phänomen immer genauer und deutlicher alle Geräusche
wahrzunehmen je mehr man sich ärgert, obwohl man sie doch
eigentlich ausblenden möchte. Halten wir tagsüber in dem
gleichen Hotel einen Mittagsschlaf, so sind wir auf Geräusche
aus dem Nachbarzimmer eingestellt, undüberschlafen sie unter
Umständen problemlos. Ein Gewichtheber bat mich um ein effektives
Training in Entspannungsmethoden. Erüberichtete, dass er
zu Hause oft das autogene Training praktiziere, sich aber
jedesmal massiv durch im Haus entstehende Geräusche gestört
fühle. Über ihm würde dann Musik gespielt oder Staubsauger
betätigt, was ihn regelmässig zur Weissglut treibe. Ich
fragte ihn, wann es fürihn besonders wichtig sei sich gut
zu entspannen und erüberichtete, dass er sich insbesondere
vor einem Wettkampf im Aufwärmraum entspannen wolle. Dort
herrsche oft ziemlicher Lärm, da die anderen Wettkämpfer
ihre Vorbereitungsübungen machen würden. In einer leichten
Trance suggerierte ich ihm, wie wichtig es sei, sich gerade
dann entspannen zu können, wenn Störungen auftreten, und
wie wichtig es füreinen Wettkämpfer sei, gerade das zu trainieren,
um bei auftretenden Geräuschen noch tiefer in Trance gehen
zu können. Erüberichtete daraufhin, wie er zu Hause geradezu
auf störende Geräusche wartete, um zu trainieren noch tiefer
zu gehen, und dass er bei einem auftretenden Geräusch tatsächlich
feststellte, dass sich sein Entspannungszustand vertiefte.

7. Soziale Isolation und Lärmempfindlichkeit
Geräusche von Menschen, die wir gerne mögen, werden kaum
wahrgenommen. Der Lärm von Nachbarn, mit denen wir einen
guten, freundlichen Kontakt pflegen, stören uns weniger,
als der von Nachbarn, die wir nicht leiden können. Am stärksten
stört die Geräusche von Personen, denen wir unterstellen,
dass sie uns nicht mögen, oder uns mit dem Lärm sogar ärgern
wollen. Findetüber unserer Wohnung eine Feier statt, so
ist es nicht unwesentlich, ob unsere Nachbarn zum wiederholten
Male unangemeldet das Haus beschallen, oder ob die Feier
angekündigt ist. Waren wir vielleicht sogar eingeladen,
haben uns mit den Gastgebern und den anderen Gästen unterhalten
und sind auf Grund von Müdigkeit frühzeitig in unsere Wohnung
gegangen, so kann es sein, dass wir trotz starken Lärmaufkommens
ausgezeichnet schlafen. Sozial isolierte Menschen sind in
der Regel sehr geräuschempfindlich, manchmal geradezu geräuschphobisch.
Jemand der keinen Kontakt zu seinen Nachbarn hat und sehr
zurückgezogen lebt, hört die Oma, die drei Stockwerke höher
das Radio anstellt. Einer meiner Klienten litt unter Schlafstörungen,
da er regelmässig von den Geräuschen einesüber ihm spielenden
Kindes erwachte. Da er spät zu Bett zu gehen pflegte, und
das Kind oft schon um sechs Uhr morgens erwachte, kam es
vor, dass er schon nach wenigen Stunden Schlaf erwachte
und dann nicht mehr einschlafen konnte. So lag er wach,
drehte sich von einer Seite zur anderen und ärgerte sich.
"Wenn ich da so liege und nicht wieder einschlafen kann,
könnte ich dem Kleinen manchmal den Hals umdrehen," jammerte
er. Ich fragte ihn, ob erübereit sei, eine Aufgabe zu machen,
wenn ich glauben würde, dass sie ihm helfen könne. Er versprach
sie auszuführen, und ich gab ihm daraufhin die folgende
Aufgabe. "Besorgen sie sich Milch und Kakao, und wenn sie
den Kleinen das nächste Mal sehen, laden sie ihn und seinen
Vater oder seine Mutter zu ihnen in die Wohnung ein. Zeigen
Sie ihm die Wohnung und servieren sie ihm einen Kakao, denn
Kinder mögen Kakao. Dann fragen sie ihn, ob sie nicht auch
einmal sein Zimmer sehen könnten, denn sie würden ihn immer
herumspringen hören und sich fragen, womit er da eigentlich
spiele. Ich glaube, er wirdübereit sein, es ihnen zu zeigen."
Die beiden lernten sich kennen, und mein Klient wusste nun
besser, wer die Geräusche machte und wie sie zustande kamen.
Danach wachte er seltener auf, und selbst wenn er aufgewacht
war, schlief er in dem Bewusstsein, "ach alles in Ordnung,
der Kleine spielt", wieder ein. Eine alleinstehende 45 jährige
Journalistin kam weinend in meine Praxis undüberichtete,
sie müsse aus ihrer Wohnung ausziehen. Wie ich erfuhr, war
unter ihr ein 20jähriger junger Mann eingezogen, der mit
kräftigen Schritten durch die Wohnung ging und mit Schwung
die Türen öffnete und schloss. Zu allem Überfluß hörte er
auch noch die falsche Musik. Sie machte daraufhin kein Auge
mehr zu. Ich sprach von den Vorteilen, die die Anwesenheit
eines starken jungen Mannes mit sich brächte, und ermunterte
sie dazu, ihn zu fragen, ob er ihr mal ein paar schwere
Dinge, wie Getränkekästen und schwere Einkaufstaschen nach
oben tragen würde, und zu ihrer Überraschung erklärte er
sich dazuübereit. Schliesslich half er ihr einen Schrank
und ihr Bett zu verrücken. Von einer Lärmbelästigung war
danach nicht mehr die Rede.
8. Angst und Hilflosigkeit und
Hyperakusis
Sind Sie schon einmal in einen dunklen Keller gegangen,
oder im Dunkeln durch einen Wald, nachdem Sie einen Gruselfilm
gesehen haben. Jedes Knacken und Knarren wird zum Signalreiz,
schon das kleinste Geräusch treibt einem das Adrenalin ins
Blut. Unsicherheit und Angst sensibilisieren uns fürjegliche
akustische Reize, die wir nicht direkt einschätzen können.
Wieviele Geräuscheüberhören wir andererseits, wenn wir uns
sicher fühlen. So schlafen Kinder in Situationen, wo viele
unterschiedlichste Geräusche vorhanden sind, ohne sich gestört
zu fühlen. Das einzig Wichtige ist, dass die Geräusche um
sie herum davon zeugen, dass alles in Ordnung ist. Musik
hat fürviele Menschen eineüberuhigende und manchmal auch
einschläfernde Wirkung. (Ich selbst schlafe am besten bei
Freejazz.) Es gibt Menschen, die so geräuschempfindlich
sind, dass sie auch mässigen Lärm schon als akustische Folter
erleben. Einer meiner Patienten konnte selbst das Rascheln
der Blätter im Wind nicht ertragen. Er fühlte sich den ihn
umgebenen Geräuschen ausgeliefert und geriet in heftige
Spannungszustände, die wiederum zu starken Kopfschmerzen
führten. Der Patient war Busfahrer. Ihm war auf der letzten
Fahrt am Silvesterabend in dem Moment, wo der letzte Fahrgast
ausgestiegen war, ein selbstgebastelter Knallkörper in den
Bus geworfen worden. Da ein Bus kaum schalldämpfendes Material
im Businnenraum besitzt, entsteht ein Effekt wie in einem
leeren Hausflur. Der Knall war so stark, dass Aussenstehende
sehen konnten, wie die Bustüren durch den Druck aufgedrückt
wurden. Mein Patient erlitt einen starken Tinnitus auf dem
linken Ohr, ein Knalltrauma und eine Hyperakustik, das heisst,
eine starke Üerempfindlichkeit gegenüber jeglichen Geräuschen.
Er wurde arbeitsunfähig und wurde in ein Universitätskrankenhausüberwiesen,
wo man versuchte, mit verhaltenstherapeutischen Methoden
seine Hyperakusis zu behandeln. Man nahm dabei wohl an,
dass seine Überempfindlichkeit Resultat eines phobischen
Vermeidungsverhaltens sei und hatte die Theorie, man müsse
den Patienten nur lange genug mit den Reizen konfrontieren,
dann würde sich das Vermeidungsverhalten und die überempfindlichkeit
schon reduzieren. Also schleppte man ihn auf eines der grössten
Feuerwerke der Stadt, worauf der Patient nach seinen Angaben
einen fast katatonen Zustand entwickelte, das Feuerwerk
zwar durchstand, dabei aber völlig erstarrt und unfähig
zu einer Bewegung war und sich hinterher noch einmal traumatisiert
fühlte. Noch andere Ansätze wurden versucht, die seinen
Zustand ebenfalls verschlimmerten. Während der Patient sich
mit dem ihm behandelnden Arzt unterhielt, schlug eine Ärztin
hinter ihm heftig die Türe zu. Der Patientüberichtete, danach
habe er sich in einem ständigen Alarmzustand befunden, in
Angst vor weiteren unkontrollierbaren Geräuschen. Ein solcher
Patient wird von der Unvermitteltheit und Heftigkeit des
Geräusches vollkommenüberrascht undüberwältigt. Er erlebt
es als traumatisches Ereignis, welchesüber ihn hineinbricht
und ihn in Unsicherheit und Angst stürzt. Eineüberechenbare
Welt wird fürihn unberechenbar. Die geschilderten Behandlungsmethoden
wiederholten und verstärkten die schon vorhandenen Traumatisierungen.
In Trance regte ich ihn an, sich mit Ohrschützeren auszustatten,
die man verwendet, um die Ohren vor lauten Geräuschen, wie
Presslufthammerarbeiten zu schützen, und dann die traumatisierenden
Szenen und die dazugehörenden Geräusche noch einmal zu erleben.
Weiterhin focussierte ich ihn auf Geräusche, die er selbst
erzeugen und kontrollieren konnte, wie das Geräusch seiner
Schritte beim Joggen. Dies hatte erste positive Effekte.

9. Tinnitus und seine Verarbeitung
durch den Betroffenen
Ein weiters Problem meines Patienten war sein stark pfeifender
Tinnitus. Immer wieder haderte er mit seinem Schicksal und
erlebte, wenn er sich seines Tinnitus bewusst wurde, Wut,
Verzweiflung und das Gefühl, dem Geräusch ausgeliefert zu
sein. Gleichzeitig wünschte er sich Genugtuung und führte
innere Dialoge mit demjenigen, der ihm das angetan hatte.
Gleichzeitig stritten sich dieüberufsgenossenschaft und
sein Arbeitgeberüber die Kosten seiner eingeschränkten Arbeitsfähigkeit,
da er als Busfahrer nicht mehr einsatzfähig war. Dies brachte
ihn in einen Rechtfertigungsdruck bezüglich seiner Störungen
und verstärkte den Eindruck, vom Schicksal schlecht behandelt
worden zu sein. Viele Tinnituspatienten befindet sich in
einer solchen Situation in einem Teufelskreis. Die Bewertung
des Tinnitus als bedrohlich und schädigend führt zu einer
verstärkten Focussierung auf das Ohrgeräusch. Ähnlich wie
der verängstigte Wanderer, der durch einen dunklen Wald
geht und auf jedes Knacken und Rascheln achtet, da es das
Anzeichen von Bedrohung sein könnte, ist der Tinnituspatient
alarmiert durch das Auftreten und die Lautstärke seines
Ohrgeräusches. Durch die starken Emotionen, die dieses auslöst,
kodiert das Gehirn den Tinnitus als einen wichtigen und
relevanten Reiz, dem Beachtung und Bedeutung erteilt wird.
Vergleicht man das Ohrgeräusch mit anderen Geräuschen, indem
man sie gleichzeitig darbietet, bis schliesslich das andere
Geräusch den Tinnitusüberdeckt, so stellt man fest, dass
in der subjektiven Einschätzung des Patienten das Ohrgeräusch
oft als sehr viel lauter wahrgenommen wird, als es objektiv
ist.

10. Psychologische Behandlungsmöglichkeiten
von Tinnituspatienten
Aus den oben ausgeführten Überlegungen ergeben sich vielfältige
psychotherapeutische Ansätze fürTinnitusbetroffene. Gelassenheit
gegenüber dem Geräusch entwickeln Um einer weiteren Sensibilisierung
gegenüber dem Ohrgeräusch entgegen zu wirken, ist es wichtig,
dass der Betroffene eine Gelassenheit gegenüber seinem Tinnitus
entwickelt. Der Patient sollte lernen, seinen Ohrgeräuschen
in einem entspannten Zustand zuhören zu können und ihnen zunehmend
gleichgültig gegenüber zu werden. Schliesslich kann er Assoziationen
zu anderen weniger störenden Geräuschen entwickeln. (Rauschen
der Blätter im Wind, Meeresrauschen, Windgeräusche bei einer
Autofahrt oder beim Segeln.) Wut und Aggression bearbeiten
Löst das Ohrgeräusch Gefühle von Wut und Aggression aus, wird
der Organismus es ebenfalls als einen bedeutsamen und beachtenswerten
Reiz kodieren und seine Sensibilität auf den Reiz verstärken.
Der Wut und der Aggression des Patienten sollte genügend Raum
gegeben werden. Der Patient sollte sich in seinen Gefühlen
verstanden fühlen. Gleichzeitig kann dem Patienten geholfen
werden, zu erkennen, dass es nichts bringt, sich weiter gegen
das Ohrgeräusch aufzulehnen, da dadurch der störende Effekt
verstärkt wird, und er sich noch weiter dem Ohrgeräusch ausliefert.
Der Patient sollte unterstützt werden, sich mit seinem Tinnitus
anzufreunden und sein Schicksal zu bejahen und nun das beste
daraus zu machen. Kontrolle (versus Hilflosigkeit) fördern
Viele Tinnitusbetroffene kennen das Gefühl, dem Ohrgeräusch
hilflos ausgeliefert zu sein. Auch hier entstehen intensive
Gefühle und Affekte. Zudem kommt die ängstliche Beobachtung
des Tinnitus mit der Befürchtung, er könne sich verschlimmern.
Jede kleine Veränderung wird ängstlich registriert und löst
wiederum intensive Reaktionen aus. Dadurch verstärkt sich
die Focussierung auf das Ohrgeräusch. fürdie Patienten ist
es wichtig, zu lernen, sich zu entspannen und Vertrauen in
den Körper zu entwickeln. Der Patient kann dann seine Konzentration
auf die Veränderung seiner Lebensumstände legen (anstatt sich
auf das Ohrgeräusch zu konzentrieren), so dass weniger Stress
und Unruhe entsteht und so einer Verschlimmerung seines Ohrgeräusches
entgegen wirken. Verschiedene bei psychosomatischen Patienten
wirksame Techniken und Verfahren sind hier einsetzbar, z.B.
"Arbeit mit dem inneren Heiler (vgl. Ortwin Meiss, Hypnotherapeutische
Strategien fürpsychosomatische Patienten) Focussierung auf
andere Geräusche und Ausblenden Schliesslich kann der Patient
lernen, sich zunehmend auf andere Geräusche zu konzentrieren
und den Tinnitus weitgehend auszublenden. Aus den oben dargestellten
Ausführungen ist deutlich, dass unsere Aufmerksamkeit stark
gerichtet ist, und verschiedene Dinge im Focus unserer Aufmerksamkeit
sein können, während andere ausgeblendet werden. Therapeutische
Geschichten, die das Ausblenden anderer unerwünschter Reize
beinhalten (z.B. das Ausblenden chronischer und akuter Schmerzen)
können dem Patienten helfen Meta-Strategien der Aufmerksamkeitsfocussierung
zu verstehen und anzuwenden. In Hypnose kann der Patient die
Focussierung auf bestimmte Aspekte seiner Wahrnehmung gezielt
üben.

11. Der Umgang mit lärmempfindlichen
Nachbarn
Zum Abschluss ein paar Tips fürden Umgang mit lärmempfindlichen
Nachbarn. Sich bekannt machen: Je besser sie sich mit ihren
Nachbarn bekannt machen, desto weniger wird ihr Nachbarüber
den von ihnen ausgehenden Lärm beklagen. Haben sie ein Baby
oder einen Hund ermöglichen sie ihren Nachbarn, es oder ihn
kennen zu lernen. Wenn er eine Beziehung zu ihren Kindern
und/oder ihrem Hund entwickelt, ist alles kein Problem. Den
Betroffenen Kontrollmöglichkeiten geben: Spielen sie ein Musikinstrument,
fragen sie ihren Nachbarn, wann es am wenigsten stört und
geben sie ihm die Möglichkeit, dann, wenn sie zu einem ungünstigen
Zeitpunkt spielen, ihnen dies mitzuteilen. Planen sie Reperaturarbeiten
informieren sie ihre Nachbarn, wann sie Lärm machen werden,
und darüber, wie lange er dauert. Brauchen Sie länger als
erwartet, teilen Sie es ihm umgehend mit. Geben sie ihm, wenn
möglich, Einflussmöglichkeitenüber den Zeitpunkt der Arbeiten.
Die Sinnhaftigkeit des Lärm erkennbar machen: Geben sie ihm
Einblick, wie der Lärm zustande kommt, und warum sie ihn machen.
Schauen sie, dass er versteht, was vor sich geht. Am besten
ist es, wenn der Lärm der Sicherheit und dem Erhalt des Hauses
dient. Feiern sollten sie nicht nur grundsätzlich ankündigen,
sondern auch den Anlass der Feier deutlich werden lassen.
Wenn er weiss, welche Gäste kommen werden, um so besser. Sie
werden sich wundern, wieviel er aushält.
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